|
Was
ist Freundschaft? Betrachten wir doch einmal die Freundschaft als
das, was sie wirklich ist - oder sein sollte. Für mich hat der
Begriff einen besonderen Hintergrund: man geht eine emotionale
Bindung, aber keine tatsächliche Verpflichtung, ein. Letztere berührt
viel mehr den Bereich Familie/Ehe/Partnerschaft. Besonders Kinder
haben das Recht, ihre Eltern in die Pflicht zu nehmen, ebenso
andere so genannte Schutzbefohlene. Als früherer Berufssoldat
habe ich bspw. eine Pflicht gegenüber meinen Kameraden gesehen,
da sich diese auf eine moralische Verpflichtung - in diesem Falle
einen selbstauferlegten Eid - gestützt hat (natürlich kann der
eine oder andere Kamerad auch ein Freund sein). Andersherum
ist es natürlich auch möglich. Wenn also ein Schwächerer einen
Stärkeren unter dem Deckmantel der Freundschaft ausnutzt und ihm
eine immer größer werdende Last auferlegt, müsste man fairer
Weise von einem Prinzip der Gefolgschaft sprechen. Hiergegen
sprechen allerdings der Individualismus und die Gleichheit der
Menschen. Doch
wodurch gehen nun aber so viele Freundschaften in die Brüche? Am
Egoismus einer/eines Einzelnen? Ganz gewiss nicht. Jede Form der
Beziehung unterliegt dem Verhältnis der Angehörigen der
Gesamtgesellschaft zueinander. Wie schnell werden z.B. auf dem
Arbeitsmarkt aus einstigen Verbündeten Konkurrenten, wenn das
Unternehmen, in dem die Freunde arbeiten, Personal abzubauen
beabsichtigt? Was zählt dann - der eigene Vorteil oder die
Freundschaft? Oder anders: Gäbe ich meine wirtschaftliche
Existenz auf, oder eine Freundschaft; besonders dann, wenn noch
Familienangehörige mit betroffen wären? Ich
vertrete die These, dass Freundschaft nur unter Gleichen möglich
ist. Gleichheit beziehe ich weder auf die Grundsätze der
Gleichberechtigung noch auf materielle Werte, sondern verstehe sie
auf emotionaler und ideeller Ebene. Diese Werte müssen übereinstimmen,
ansonsten läuft man Gefahr, seine eigene Würde aufs Spiel zu
setzen. Die Freundschaft zwischen dem Prinzen und dem Bettelknaben
wird ewig ein Märchen bleiben, denn zwangsläufig schleichen sich
Gefühle wie Neid oder Überheblichkeit in die Hirne der
Beteiligten. Auch das Mitleid würde unter Umständen eine
gewichtige Rolle spielen. Persönlich
kann ich Menschen, die nicht mit mir »auf der selben Schiene
laufen«, ganz gut akzeptieren und auch tolerieren, aber ich werde
unter ihnen niemals meine Freunde auswählen. Unterschiedliche
Meinungen sind bereichernd, unterschiedliche Interessen jedoch können
kein Grundstein für eine Freundschaft sein. Denn wäre Letzteres
der Fall, wo lägen die Gemeinsamkeiten?
Besonders
in der virtuellen Welt des Internet wird der Begriff Freundschaft
oft unglaublich leichtfertig gebraucht. Fast
missbraucht.
Wie oft sieht man auf privaten Homepages so genannte
Freundeslisten, die bei genauerem Hinsehen ergeben, dass die
angeblichen Freunde sich persönlich unbekannt sind und die
einzige Gemeinsamkeit in der Kommunikation in Communities oder über
Messanger besteht. Welchen Wert hat eine derartige Freundschaft? Nun,
immerhin könnten Freundschaften dieser Art einen Wert erlangen,
wenn es nicht um einen bloßen Sammeleffekt in diversen Listen
ginge, sondern um den Aufbau wirklicher, ernst gemeinter
Beziehungen. Doch das ist selten der Fall. Es geht häufig um
unverbindliche und unverfängliche Kommunikation, und wie so oft
degradiert sich der Mensch mal wieder zum User, zum Verbraucher,
zum Konsumenten. Der Höhepunkt einer Online-Freundschaft ist in
einigen Fällen ein persönliches Kennenlernen, bei dem man
feststellt, wie sehr sich virtuelles und reales Leben voneinander
unterscheiden. Der Anfang vom Ende. Wodurch
gehen solche Freundschaften in die Brüche? Durch nichts. Denn es
gab sie nie. Am Ende merkt man, dass der Freund aus München oder
Hamburg oder gar Nairobi weit weg ist, wenn er mal mit anpacken könnte.
Und man greift auf jemanden zurück, den man sonst meidet - den
hilfsbereiten Nachbarn vielleicht. Spätestens an dieser Stelle
kommt die Erkenntnis, dass man über keine Freunde verfügt,
sondern nur über flüchtige Bekannte, mit denen man einfach nur
ein wenig kommuniziert hat.
|